Wenn der Strom nicht aus der Steckdose kommt…

Die letzten Tage unserer Neuseelandzeit sind angebrochen. Wir verbringen sie in der Bay of Islands im „winterless North“. Dort haben wir‘s uns auf einer Anhöhe mitten im Grünen gemütlich gemacht, wo man nachts die Kiwis rufen hört. Der Stellplatz gehört zum Grundstück von Don – so heißt unser superfreundlicher Wwoofing-Gastgeber. Er freut sich über jede Art von Hilfe, weshalb wir in den letzten Tagen Lampen und eine Dusche eingebaut, den Kühlschrank sortiert und geputzt und die Grube fürs Fundament einer Outdoor-Küche gegraben haben. Viel wichtiger scheint Don jedoch zu sein, dass wir was erleben, so dass wir bereits auf wunderbare Abende am Lagerfeuer und diverse Ausflüge mit Kajak, Mountainbike und sogar Segelboot zurückblicken können. Und dann gibt es hier noch etwas, das unserem Gastgeber vielleicht gar nicht als Luxus bewusst ist: vollständig vorhandene Infrastruktur. Wir haben Strom, Wasser, Kühlschrank, Toiletten, können duschen und sogar eine Waschmaschine mitbenutzen!

Das war in den letzten Monaten alles nicht selbstverständlich. Zwar ist in unserem Wohnwagen Ulla wie auch in unserem in Deutschland wartenden Campingbus Nugget grundsätzlich die ganze Infrastruktur vorhanden (bis auf die Waschmaschine jedenfalls), aber der Luxus hört am Bodenblech auf. Das gesamte Wasser muss ran- und weggeschafft werden. Der Strom kommt nicht unendlich aus der Steckdose. Alles ist ein gutes Stück primitiver, bodenständiger und arbeitsintensiver, aber auch transparenter, so dass selbst Antonia und Valentin inzwischen ein Gefühl dafür entwickelt haben, was alles nötig ist, damit Wasserhahn und Co. so scheinbar problemlos funktionieren.

Den meisten Aufwand haben wir mit der Wasserversorgung: Zuhause benötigen wir etwa 300 Liter Wasser am Tag, hier draußen kommen wir mit nur zehn Litern zurecht. Das geht natürlich nur, weil wir einige wasserintensive Prozesse nach außen verlagern. Baden zum Beispiel… Die Seen und Strände in unserem Endlos-Garten sind ohnehin viel schöner als jedes Badezimmer. Und auch geduscht wird lieber draußen. Theoretisch könnten wir das zwar in unserem Wohnwagen machen (es gibt Brause, Duschwanne und sogar einen Duschvorhang), aber dann müssten wir ständig Wasserkanister tauschen, viel zu aufwändig. Zumal sich regelmäßig Gelegenheiten bieten, vom klaren Bergbach bis zur klassischen Stranddusche. Und wenn sich längere Zeit nichts findet, gehen wir einfach ins Schwimmbad. Dort genießen wir die heißen Duschen bis zum Abwinken, das ist manchmal fast schon unverschämt. Auch Trinkwasser besorgen wir extern. Zwar ist das Wasser aus dem Tank einwandfrei, doch es schwappt oft recht lang darin herum und schmeckt zudem in den meisten Ländern sehr chlorig. Deshalb bevorzugen wir gekaufte Wasserflaschen, hier kommen nochmal etwa sechs Liter am Tag hinzu. Letztendlich verbrauchen wir unsere zehn Liter Wasser hauptsächlich für Abspülen, Händewaschen und gelegentlich den Spaghetti-Topf füllen.

Bei Ulla nutzen wir drei 20-Liter-Wasserkanister, in die eine Tauchpumpe gesteckt wird, unser Nuggi verfügt über einen internen 40-Liter-Tank mit eingebauter Pumpe. Letzterer hat den Vorteil, dass man das Wasser nicht selbst rumschleppen und auf jedem neuen Parkplatz wieder die Pumpe anschließen muss. Aber wenn der Tank mal leer ist, muss das ganze Fahrzeug los und eventuell einen hart erkämpften Premium-Stellplatz abgeben. Gelegentlich sind wir deswegen schon losgezogen, um das Wasser zum Spülen im Rucksack heranzuschaffen. Und da nun wahrlich nicht jeder öffentliche Wasserhahn direkt mit dem Auto zugänglich ist, bevorzugen wir letztendlich die externen Kanister. Das gilt übrigens auch umgekehrt für die Abwasserlogistik („Grey Water“). Nuggis eingebauter 40-Liter-Tank muss mit dem gesamten Fahrzeug zur Entsorgungsstation, wohingegen Ullas 40-Liter-Rollkanister zur Not auch auf einer normalen Toilette entleert werden kann.

Wir hatten in der Zwischenzeit reichlich Gelegenheit, uns mir den Besonderheiten dieser Wasserlogistik vertraut zu machen. Wasser kommt aus dem Kanister. Und wenn der leer ist, kommt halt nichts mehr. Abwasser geht in einen anderen Kanister. Und wenn der voll ist…, dann haben wir gelernt, dass es zurück drückt, uns aber immer noch 20 weitere Liter in der Duschwanne bleiben (die den Boden des Badezimmers bildet). Erst dann will das Spülwasser mit Nudeln und Fettaugen über den Rand in den restlichen Wohnwagen schwappen. Praktisch, so ein Rückstau-Reservetank – man muss den Schlamassel dann nur lokal aus der Duschwanne putzen, spart Arbeit!

Aus obigem Grund achten wir übrigens auch peinlich genau darauf, dass der 18-Liter-Tank unserer Toilette nie ganz voll wird. (Kein Kopfkino jetzt!!! Ist uns wirklich nur einmal passiert!) Je nach Benutzung reicht der Tank für drei bis acht Tage, bevor wir ihn herausnehmen und bei der nächsten Dump-Station entleeren. In Anbetracht des delikaten Themas ist das Handling übrigens außerordentlich gut durchdacht. Der komplette Tank kann ohne jeglichen unerwünschten „Feindkontakt“ entnommen und entleert werden. Aber Luftanhalten beim Auskippen hat sich dann doch bewährt. Da das Ganze nicht gerade unser größtes Hobby ist, haben wir uns angewöhnt, wo’s geht die Blumen zu gießen oder vorhandene WCs zu nutzen, um unsere Toiletten-Reichweite möglichst groß zu halten.

Im Vergleich dazu viel angenehmer und deutlich weniger aufwändig ist das Thema Stromversorgung. Im Gegensatz zu den täglichen 8kWh, die wir Zuhause für alle möglichen Gerätschaften benötigen, sehen die etwa 0,1kWh in unserem Wohnwagen oder Campingbus geradezu mickrig aus. Klar, dass wir hier viel weniger Verbraucher haben, im Wesentlichen ein paar LED-Lampen und mehrere USB-Ladegeräte für unsere Vielzahl an Handys, Kameras und Taschenlampen. Bei unserem Nugget kommt als weiterer Hauptverbraucher ein 12V-Kompressorkühlschrank hinzu, wohingegen Ulla einen Gaskühlschrank besitzt, aber dazu gleich mehr…

All unseren Strom liefert eine auf dem Dach montierte Solarzelle. Unser Nugget besitzt eine 80-Watt-Zelle, und eine 140Ah-Zusatzbatterie mit theoretischen 1,6kWh Kapazität. Das reicht für alle Verbraucher. Meist schalten wir den Kühlschrank im Mai an und im Oktober wieder aus. Hier hilft übrigens sehr, dass die Solarzelle bei warmem Wetter (wenn der Kühli viel arbeitet) ordentlich Strom bereitstellt und bei Regenwetter (wenn der Kühli wenig tun muss) kaum gebraucht wird. Und wenn wir den Campingbus benutzen, sprich noch ein bisschen mehr Strom für Lampen usw. benötigen, dann läuft ja auch öfter der Motor und sorgt zusammen mit der Solarzelle dafür, dass die Zusatzbatterie immer ordentlich voll ist.

Unsere Ulla hatte anfangs noch keine Solarzelle auf dem Dach. Aufgrund unserer guten Nugget-Erfahrungen haben wir aber gleich nach dem Kauf eine passende 100-Watt-Zelle (150€ inkl. Laderegler und Dachhalter) besorgt und installiert. Auch wenn Ulla keinen Kühlschrank als Hauptverbraucher hat, wollten wir doch nicht darauf vertrauen, dass die kleine 100Ah-Batterie nur im Fahrbetrieb geladen wird. Mit der mehr als üppigen Solarzelle ist dies nun kein Thema mehr, wir haben noch nie erlebt, dass die Ladestandsanzeige auch nur ansatzweise in die Nähe des gelben Bereichs kam. Selbst wenn wir die Möglichkeit haben Landstrom zu nutzen, ist uns das Kabelgewurstel viel zu aufwändig und auch komplett unnötig, schließlich sind wir bei der Stromversorgung völlig autark.

Aber nun zum Thema Kühlschrank, dieser verdient ein eigenes Kapitel. Dabei geht es nicht um Nuggis tollen Kompressorkühlschrank, der kühlt nämlich zuverlässig in jeder Lebenslage so kalt wie er soll, und wir hatten noch nie Probleme mit ihm. Vielmehr geht es um unsere Ulla – wie oft haben wir uns den tollen Campingbus-Kühlschrank hierher gewünscht! Strom dafür hätten wir ja locker… Ullas Gaskühlschrank jedenfalls ist eine ziemlich anspruchsvolle Diva, nie zufrieden. Über die Monate und dank intensiven Studiums der Kühlschrank-Psychologie haben wir uns zu echten Fridge-Verstehern entwickelt und bringen das zickige Ding nun zuverlässig zur Erfüllung seiner Pflicht. Aber ein „Outperformer“ wird es nie werden. Mit einer heißen Gasflamme zu kühlen ist ja eigentlich auch ein Wunder der Physik – und selbst mit Wikipedia-Hilfe kaum zu verstehen. Immerhin ist das einzig bewegliche Bauteil die Kühlschranktür, der ganze Kühlkreislauf selbst kommt mithilfe von Wärme und Gravitation (theoretisch) von alleine in Schwung. Man braucht dafür sogar überraschend wenig Gas, unsere 9-Kilogramm-Gasflasche reicht (inkl. täglichem Kochen) in der Regel für mehr als sechs Wochen.

Aber der Kühlschrank ist ausgesprochen anspruchsvoll im Handling. Falls er wirklich mal kühlt, dann (prinzipbedingt) nur etwa 15 bis 20°C unter Umgebungstemperatur. Bei 30°C kühlt er die Milch auf sagenhafte 15°C herunter, ganz super!! Meist hatten wir mit der Kiste aber sowieso ganz andere Probleme, da sie nur kühlt, wenn alles perfekt zusammenpasst. Wenn es zu windig ist (kommt am Strand nie vor), geht die Flamme aus. Während der Fahrt geht die Flamme natürlich auch sofort aus. Ist die Flamme zu klein, springt der Kühlkreislauf nicht an. Wird er frisch gestartet, dauert es ewig bis er in Schwung kommt. Steht der Wohnwagen nur geringfügig schief, bricht der Kühlmittelkreislauf irgendwann zusammen und das Ding fängt plötzlich an innen zu heizen. Das ist übrigens ganz besonders toll, wenn man spät abends ankommt, den Kühlschrank schnell noch startet und dieser bis zum nächsten Morgen seinen Inhalt auf 25°C hochgeheizt hat (stinkt auch kaum…). Hier haben wir viel Lehrgeld bezahlt und einige Lebensmittel geopfert. Aber inzwischen können wir’s! Wir parken die Ulla jetzt „einfach“ mit Wasserwaagenhilfe, damit die Kühlschrank-Diva sich ja nicht verschluckt. Bei Wind hilft ein Bodyboard außen vor dem Lüftungsgitter… Außerdem hat es inzwischen draußen sowieso nur noch um die 20°C, da bleibt sogar die Milch schön kalt!

Aber nicht nur beim Kühlschrank sind wir schlauer geworden, auch sonst haben wir wohnwagentechnisch in unserer Zeit mit Ulla so einiges dazugelernt. Zum Beispiel, dass man Schrankinhalte festbinden oder sonstwie sichern sollte, vor allem auf neuseeländischen Straßen. Anfangs fuhren wir noch, als ob es deutsche Autobahnen wären, aber das haben wir schnell bereut. Hinten offenbarte sich nämlich ein sauber zurechtgerütteltes Chaos: Der Kühlschrank hatte seinen gesamten Inhalt auf den Flur ausgespuckt. Kissen und Decken lagen wahllos verstreut, mit Coladosen, Büchern und Milchpackungen vermischt in allen Ecken des Wohnwagens. Der Kleiderschrank war nicht mehr wiederzuerkennen: Beim Losfahren lagen die Klamotten schön in ihren Regalfächlein beziehungsweise hingen auf den Bügeln. Beim Ankommen sah es eher so aus, als hätten wir einen großen Wäschetrockner aufgemacht: ein riesiger Knoten aus Shirts, Hosen, Rucksäcken und Kleiderbügeln. Auch der Badschrank hatte seinen gesamten Inhalt in der Duschwanne verteilt. So haben wir gelernt unsere Packtechnik zu optimieren. Die Kleiderbügel sind nun mit Haargummis festgebunden, das Stoffregal daneben haben wir stabiler aufgehängt, die Türen des Spiegelschranks im Bad werden vor jedem Start verkeilt und für die Kühlschranktür haben wir eine dicke Schraube, die sie geschlossen hält. Mit kleinen Tricks dieser Art haben wir unser Wohnwagenleben quasi beschwerdefrei gemacht. Wir sind extrem eingegroovt, verstehen uns blind. Nicht zu fassen, dass wir unsere Ulla in ein paar Tagen hergeben müssen. Wir werden sie vermissen!!!

NZ Ulla im Sonnenuntergang

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