Hamsterrad, Heimat, Herzensfreunde

Seit September ist fast alles anders. Aber nicht notwendigerweise schlechter. Wir sind halt wieder voll im Alltag angekommen – oder im Hamsterrad, wie Jochen es nennt. Die täglichen und wöchentlichen Abfolgen wiederholen sich nun, alles dreht sich gleichmäßiger – und schneller…

Und so hat es lange gedauert, sehr lange, bis ich erneut die Muße zum Schreiben fand. Heute, am Tag vor Heiligabend, bin ich morgens aufgewacht mit einem glasklaren Gedanken im Kopf: Es ist schön wieder hier zu sein, es ist schön wieder ein traditionelles Weihnachten zu feiern – aber ich sollte mir dazu dringend selbst etwas schenken, denn mir fehlen in den letzten Monaten genau zwei Dinge: schreiben und rennen, bloggen und joggen. Beim Rennen habe ich die besten Ideen, das Schreiben macht etwas Nachhaltiges aus ihnen… Und so bin ich trotz des hundsmiserablen Wetters heute Morgen in meine neuseeländischen Joggingschuhe gestiegen und eine Stunde lang durch die matschige Gegend geflitzt. Dabei habe ich mich an die wesentlichen Stationen der letzten Monate erinnert, mit denen ich diesem Reiseblog nun ein würdigeres Ende geben möchte als er bisher hat.

Nachdem wir den August in unserem geliebten Örtchen Gebersheim verbracht hatten, mit vielen schönen, teilweise äußerst schweißtreibenden Arbeitsstunden im neuen Streuobst-Garten, mit unendlichen Badestunden im Bädle, mit mehreren Wanderungen im Allgäu und mit unseren neuen Kaninchen Luna, Rudi und Maui, holte uns im September der berühmte Ernst des Lebens ein. Und zwar sukzessive. Am 3. September haben Jochen und ich unsere neuen Jobs angetreten, er in derselben Firma, Bosch, im Nachbarbereich – Radarsensoren fürs autonome Fahren. Ich in einer Tochterfirma meines alten Arbeitgebers namens Axoom, Marketing und PR. Die Firma ist noch jung, ich fand sie von Anfang an klasse und habe mich dorthin gewünscht – auch wenn ich dafür meist mehrmals pro Woche nach Karlsruhe fahren muss, was ich innerlich verfluche.

Am 10. September ist Antonia in die „echte“ Schule zurückgekehrt, dritte Klasse – und sie hat den Neustart toll gemeistert. Wissenslücken scheint sie vom Sabbatical keine davongetragen zu haben (eher im Gegenteil). Wenn ihre Noten so bleiben wie bisher, sind Jochen und ich als Lehrer künftig kein bisschen mehr gefragt… Sie hat ihre Freundinnen wieder und zudem mit dem Reiten begonnen, wirkt ausgeglichen und glücklich.

Am Mittwoch, 12. September, nahm die einschneidendste Veränderung ihren Lauf: Unser freiheitsliebender Valentin kam in die Schule. Hatte sein Leben bis dahin aus viel Entscheidungsfreiheit und wenigen terminlichen Zwängen bestanden (bei der Tagesmutter, im Kindergarten, erst recht während der Weltreise), so fand er sich nun plötzlich im Korsett eines Stundenplans wieder. Auf dem bis dato auch noch überwiegend Dinge stehen, die er sich in der Weltreiseschule längst von Antonia abgeschaut hat. Nach dem besten Schulerlebnis gefragt, antwortet er denn auch prompt, das sei die Woche gewesen, die er aufgrund Krankheit der Klasslehrerin bei Antonia in der Dritten verbracht hat. So wundert es nicht, dass er abends regelmäßig Sehnsuchtsanfälle bekommt: Er vermisst die Weltreise.

Deshalb haben wir in seinen ersten Ferien, den Herbstferien um den 1. November, eine klitzekleine Mini-Weltreise gemacht (die Valentin auch schon wieder vermisst). Wir haben ein Land gesucht, in dem wir alle noch nicht waren – und sind auf Luxemburg gekommen. Dorthin beschlossen wir gemeinsam zu fahren. Natürlich mit dem Nugget und in unserer üblichen Reisemanier: Der Weg ist das Ziel. So gelangten wir auf die Dahner Felsenburgen und zu prickelndem neuen Pfälzer Wein. Wir stromerten bei Nieselregen in der Porta Nigra und an vielen anderen schönen Stellen Triers herum und übernachteten im Herbstwald an der luxemburgischen Grenze. Wir amüsierten uns im Gewirr der Kasematten und über die Palastwächter in der Altstadt von Luxemburg und fuhren zum Eislaufen und Wandern ins wunderschöne Müllerthal. Waren insgesamt grade mal vier Tage, fühlte sich aber endlos und herrlich an.

Genauso wie die vielen kleinen Dinge, die unseren Alltag hier so lebenswert machen. Endlos viele kleine und größere Treffen bei Freunden. Ein spontanes Abendessen hier, eine Grillparty dort, gemeinsame Schnaps-Sitzungen nach Elternbeiratstreffen, Saunaabende, Stammtischgespräche – herrlich! Das Gefühl dazu und genau dorthin zu gehören. Dazu noch viel Besuch, aber wenig Wegfahren, weil jeder versteht, dass wir nach so langer Abwesenheit erstmal zu Hause sein wollen. In unserem großen, alten Haus, in dem jedes Zimmer in den letzten Monaten dran glauben musste und eine Neugestaltung erfahren hat. Das Klavier steht jetzt mitten im Wohnzimmer – und Valentin spielt darauf. Jeden zweiten Freitag hat er Unterricht, zusammen mit seinem besten Kumpel Niklas, der ihm auf der Reise so gefehlt hat und den er „mein Bruder“ nennt. Mit ihm zusammen plant er bereits die nächste Weltreise… Ich habe mir die Arbeit anders organisiert, mache Montagnachmittag oft Home Office und kann dann manchmal kurz ausbüchsen und Antonia auf dem Sonnenhof ein paar Minuten beim Reiten zuschauen. Mittwochs habe ich nachmittags frei, und die Kinder können direkt nach der Schule nach Hause kommen. Dann spielen wir mit unseren noch neueren Haustieren, den Meerschweinchen Merlin, Nelli und Sally oder basteln lustige Kunstwerke – und haben sie wieder, diese wertvolle, unverplante, langsam plätschernde gemeinsame Zeit (zumindest zu Dritt).

Und nun im Dezember haben wir natürlich die Adventszeit genossen. Ist so viel anders als bei 30° im neuseeländischen Sommer (wobei der Advent im Abel Tasman Nationalpark schon auch was für sich hatte), wieder so schön traditionell. Glühwein, Plätzchen backen, Weihnachtsmärkte, Krippenspiel… wir haben wenig ausgelassen. Als Weihnachtsgeschenke gibt es Foto-Kalender, viel größere und professionellere als sonst. Deren Herstellung hat uns in einen Erinnerungsblues befördert: Soooooo viele schöne Fotos zum Auswählen und Kombinieren. In solchen Situationen packt das akute Fern- (und ein klein wenig Heim-)Weh gnadenlos zu. Meist aber tragen uns die Erinnerungen auf einer Wolke der Seligkeit: Unsere gemeinsame Reisezeit hat sich tief in unsere Herzen gegraben und eine besondere Einheit aus uns geformt. Jeder hat Bilder und Geschichten mitgenommen, die glücklich und stark machen. Die trösten können. Die sofort ein Gefühl der Gemeinsamkeit schaffen. Diesen Schatz werden wir immer in uns tragen.

Hier zum Schluss noch ein paar Links zu weiteren Dokumentationen unseres Familien-Sabbaticals:

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