Leben im Anhänger – ein erstrebenswerter Zustand?

Sie ist rundlich, gestreift und von vorne bis hinten durchschaubar, sie hat sechs Beine (darunter zwei drehende) und eine lange, spitze Nase, ihr Leuchten ist ansteckend (bzw. angesteckt). Was für ein Wesen kann das sein?? Wir nennen es Ulla. Und wir finden sie ist vor allem eins: irre gemütlich.

Was wir von ihrem Leben vor unserer Zeit wissen, ist ziemlich wenig: Ulla (unser Wohnwagen) wurde 1994 in England gebaut, kam irgendwann nach Neuseeland und hatte vermutlich mehrere Vorbesitzer, bevor sie Anfang 2016 bei Juan und Mariana landete, den netten Argentiniern, denen wir sie Ende November 2017 abgekauft haben. Die roten Polsterbezüge und die Farnvorhänge stammen von den beiden. Aber wer hat die zweite Schicht Laminatboden verlegt? Wer hat sich die etwas windschiefe Wasserhahnkonstruktion im Bad ausgedacht? Warum ist eine Leselampe golden, die beiden anderen bronzefarben? Was hat dieser Wohnwagen eigentlich schon alles gesehen? Wie viele Kilometer weit haben sich die Reifen bereits gedreht?

Diese alten Geschichten werden wir nie erfahren. Aber wir haben bereits jede Menge neue hinzugefügt – und sind ja noch lange nicht am Ende unserer Ulla-Zeit! Fast vier Monate ist dieser Wohnwagen nun bereits unser Zuhause. Und genau das macht Ulla so wichtig und einzigartig für uns: Sie ist Heimat. Jeder hat sein definiertes Bett und feste Plätze für die wichtigen Dinge. Die Kinder wissen, wo ihre Schul-, Bastel- und Spielsachen sind (das Lego-Fach ist das größte, das Ulla zu bieten hat). Wenn das Wetter mal nicht nach Rausgehen ist, gibt es genügend Platz für alle zum Malen, Lesen, Kartenspielen oder Kuscheln. Egal, ob wir jeden Tag weiterziehen, um Sehenswürdigkeiten zu sammeln oder tagelang in derselben Ecke vor uns hindümpeln: Sobald wir im Wohnwagen sind, sind wir in unseren eigenen vier Wänden, geschützt, geerdet und eingegroovt.

Deshalb halte ich diese Art des Reisens für ganz besonders geeignet, wenn man mit Kindern unterwegs ist: Innere Konstanz bei äußerer Dauer-Veränderung. Ganz pragmatisch bedeutet es: Kein ständiges Packen und Umziehen, sondern – wie moderne Nomaden – mit Hab und Gut herumziehen. Nur so kann man ganz alleine auf kilometerlangen Sandstränden übernachten, beim Einschlafen darüber nachdenken, wodurch sich das Wellenrauschen von Meeren und Seen unterscheidet oder direkt unterhalb eines Gletschers Cuba Libre mit Gletschereis trinken. Näher als beim freien Campen, wie wir es mit Ulla praktizieren, kann man der Natur auf Dauer kaum kommen.

Im Vergleich zu unserem Campingbus zuhause in Deutschland (unserem Nugget) ist der Wohnwagen dabei ein ganzes Stück komfortabler (solange alles funktioniert). Das zeigt sich schon morgens: Sobald Valentin aus seinem Stockbett klettert und Antonia aus der Höhle darunter hervor kriecht, wird es zwar etwas enger im großen Doppelbett, aber wir passen alle hinein. Wenn dann irgendwann einer Pipi muss, ist es nicht nötig draußen nach einem öffentlichen Klo oder einer ruhigen Ecke zu suchen, denn das feine kleine Badezimmer ist nur ein paar Schritte entfernt. Beim Erheben aus dem (deutlich gemütlicheren) Bett stößt man sich nicht den Kopf und kann direkt aufrecht stehen. Der Tisch beim Frühstück ist ordentlich groß, und fürs Abspülen hinterher spendet der Boiler jede Menge heißes Wasser.

Viel komfortabler ist auch die Schrank-Situation: Im Eiche-Rustikal-Design gibt es eine Klappe für Schulsachen, eine für Bastelkram, eine für die wichtigen Dokumente, eine für Badetücher (dazwischen versteckt sich häufig, weich gepolstert, eine Rumflasche), eine für Geschirr, eine für eine ganze Batterie an Sonnencremes und Insektensprays, eine für Grundnahrungsmittel, eine für Müsli und Süßigkeiten (also Grundnahrungsmittel ll), eine für Dreckwäsche, eine für Werkzeuge und eine für Lego. Dann gibt es eine Schublade für Technikkrimskrams, zwei für meine Klamotten und eine kleine für Besteck. Einen Schrank für Gemüse, Töpfe und Putzzeug und einen weiteren für Kochutensilien und Getränkevorräte. Viermal Stauraum unter den Betten. Und, einfach unglaublich: einen Kleiderschrank mit Bügeln für unsere Jacken und Platz für sämtliche Klamotten von Jochen und den Kindern – und obendrein noch für die Rucksäcke, ein Raumwunder!

Und alles ist so gut erreichbar. Besonders praktisch, wenn es nach dem Schulunterricht an die Nachmittagsaktivitäten geht (die in der Regel außerhalb des Wohnwagens stattfinden). Egal, ob Wandern oder Schwimmen, Sightseeing oder Spielplatz: Die Kinder können sich ihre Rucksäcke, Sonnenmützen oder Pullover selbst schnappen – und los geht’s. Während wir unterwegs sind, ziehen wir übrigens gewohnheitsmäßig alle Vorhänge zu und lassen die Rollos runter: Unsere Ulla ist mit ihren Postern und Lichterketten, dem frischgrünen Kunst-Farn und den in Türkis und Petrol gehaltenen Teppichen und Accessoires einfach zu gemütlich und verlockend, da soll keiner auf falsche Gedanken kommen! Wirklich einbruchsicher ist das schlichte Türschloss nämlich bestimmt nicht.

Gegen Abend kommt dann ein weiterer Ulla-Vorteil zum Tragen: die verhältnismäßig große Küche mit drei Gaskochfeldern und Backofen (auch wenn ich immer noch hin und wieder herzzerreißend fluche, dass alles viel zu eng und oll ist). In Letzterem sind bereits diverse Kuchen, Braten und Aufläufe entstanden (und nicht zu vergessen die Weihnachtsplätzchen!). Das Repertoire an Lieblingsgerichten wächst beständig: Gurke-Paprika-Salat, glasierte Möhren, Würfelkartoffeln, Mais-Reis, Putengeschnetzeltes in Sahnesauce mit Marokko-Touch und Chicken Korma sind die neuesten Errungenschaften. Pfannkuchen, Hackfleischbällchen, Fischstäbchen und Hash Browns (Kartoffelröstis) gehen immer. Danach verschwindet der Tisch im Schrank und aus den beiden gegenüberliegenden Sofas wird erneut das elterliche Riesenbett, das allen ausreichend Platz bietet, um die fast schon obligatorische abendliche Folge irgendeiner Kinderserie anzuschauen. Und dann – meist nicht vor 22 Uhr – haben wir unser Bett endlich für uns allein…

Bleibt abschließend noch die Frage: Nugget oder Ulla? Wir sind der Meinung sie bereits sinnvoll beantwortet zu haben. In einem Land wie Neuseeland mit so viel Platz und so vielen legalen Möglichkeiten umsonst in der Natur zu campen, ist ein Wohnwagen die ideale Besetzung. Hier muss sich kein Campingfahrzeug tarnen, jedes findet genügend Platz. Wenn es irgendwo besonders schön ist, verteidigt Ulla dieses Fleckchen, während wir entspannt mit dem Auto unterwegs sein können (wobei wir allerdings Gefahr laufen wichtige Dinge im Wohnwagen zu vergessen). Dass es sich bei dem Auto um ein höchst flexibles Allradfahrzeug handelt, macht die Konstellation für Neuseeland besonders reizvoll. In Europa dagegen wäre sie relativ unbrauchbar. Dort ist alles enger, das Fahren, Parken und Stellplatzsuchen wäre deutlich anstrengender. Ganz abgesehen davon, dass es äußerst irritierend wäre, mit einem Wohnwagen tagelang auf einem Wander- oder Strandparkplatz zu stehen. Für europäische Abenteuer ist und bleibt der kompakte, unauffällige Nugget, in dem wir stets alles Wichtige um uns haben, das fahrende Zuhause der Wahl.

 

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