Von Marokko nach Andalusien – und weiter

14. Oktober: Den Beginn dieses Tages mitten in der Wüste habe ich bereits beschrieben. Der weitere Tagesverlauf wird eine Aneinanderreihung von Mini-Sehenswürdigkeiten. Ein Zeitsee vor den Dünen, der mal Wasser führt, mal nicht. Eine Dattelpalme, die ihre Früchte direkt am Straßenrand bis auf den Boden hängt, so dass wir sie genau studieren können. Und nicht nur das: Ein fast drei Meter langer Palmwedel ziert seitdem unseren Nugget, an Anhängerkupplung und Fahrradträger befestigt. Ein artesischer Brunnen, Ergebnis einer Erdbohrung, der seitdem ununterbrochen wie ein riesiger natürlicher Springbrunnen sprudelt. Und das in Wüstennähe… Ein Aussichtspunkt mit eindrucksvollem Blick auf die Oase des Flusses Ziz. Und schließlich die „Blaue Quelle“ mit Badebecken, bei den Marokkanern anscheinend als Ausflugsziel beliebt. Auch wir machen hier Picknick. Und lernen dabei ein Grüppchen Schweizer kennen, die mit riesigen Geländetrucks aus der Wüste kommen, Wohnmobilen auf Steyr-Spezi-Basis, extrem hoch und extrem eindrucksvoll. Sie übernachten auf dem zugehörigen Campingplatz, wogegen unsere Kinder sich jedoch sträuben, weil sie einen ordentlichen Pool und keine algige Quelle wünschen. Aber zum Tee bei dem netten Marokkaner im zweiten Laden vorne bleiben wir noch. Antonia und Valentin trinken das süße Getränk fast genauso gern wie wir Großen. Dass das Ganze auf ein – zum Glück sehr interessantes und sympathisches – Verkaufsgespräch rausläuft, ist von vornherein klar. Nicht aber, wie lang so etwas dauert. Es gehöre sich bei Berbern, dass man nur zum Teil mit Geld bezahle und zum Teil tausche, erklärt unser Freund. Ein ausrangiertes Sweatshirt und eine nie gebrauchte Kinderjeans stoßen schon mal auf Gegenliebe. Aber er hat weitere Ideen. Ob ich nicht ein Handy übrig habe? Mein altes fliegt tatsächlich noch im Auto rum, weil ich irgendwann die Bilder runterziehen und alle Einstellungen zurücksetzen wollte. Irgendwann ist also jetzt. Jochen hilft mir, während ich weiter verhandle. Die Kinder sitzen inzwischen im Auto und sind fix und fertig. Schließlich sind sie vor sechs Uhr aufgestanden. Und jetzt ist es draußen schon wieder dunkel. Irgendwann verlasse ich um ein paar Dirham ärmer den Laden mit einer Pluderhose, einem Paar Lederschlappen und zwei kleinen genähten Lederkamelen für die Kinder. Das Handy setzt sich immer noch zurück, egal, es wechselt jetzt den Besitzer. Und wir fahren zum Campingplatz mit Pool.

15. Oktober: Die nächtliche Weiterfahrt hat sich gelohnt, der Pool ist ein Traum. Groß, absolut klares Gebirgswasser und eine interessante Form mit drei Zacken, weshalb er schnell Sternenschwimmbad heißt. Wir lassen es uns hier lange gut gehen, plauschen mit den wenigen anderen Gästen, picknicken. Die Kinder spielen vergnügt mit den Schleichtieren, bis in der Nähe ein Knacksen und Prasseln zu hören ist. Wir spähen über die Mauer und sehen, wie auf der anderen Seite des Flusses kontrolliert Büsche abgebrannt werden. Warum auch immer. Die Situation ist in keinster Weise gefährlich, aber doch ein wenig unheimlich, weil an die zehn Büsche in geringem Abstand gleichzeitig brennen. Valentin bekommt Panik. Und da wir ohnehin allmählich weiter wollten, nutzen wir die Gunst der Stunde und fahren Richtung Atlas. Am Wegesrand fasziniert uns eine Bäckerei und wir fressen uns einmal durch die Auslage. Eins der Highlights: eine Art Jogurt mit Pfefferminzsirup. Als es kurz darauf zu regnen beginnt, springt uns ein Händler mit Scheibenwischern vors Auto. Gut, wir brauchen ohnehin neue. Und hier kriegen wir sie gleich montiert (die Bosch-Verpackung war aber vermutlich nur Show). Vorbei an Nomadenzelten und jeder Menge streunenden Hunden fahren wir fürs Nachtlager zu einem schönen Bergsee.

16. Oktober: Nebenan haben abends noch Spanier geparkt, ein netter Plausch ist also vorprogrammiert. Die Glücklichen sind auf dem Weg in die Wüste. Wir fahren weiter Richtung Norden, lassen einer großen Schafherde den Vortritt, füttern Berberaffen am Straßenrand. Im Ferienort der Reichen und Schönen, Ifrane, wundern wir uns über die äußerst mitteleuropäischen Häuserformen mit spitzen roten Dächern. Gleich im Nachbarort geraten wir am Straßenrand an das beste Essen überhaupt (vielleicht mit Ausnahme des Wüstenmahls). Und dann fahren wir nach Fes hinein, vorbei an prunkvolle Toren und zu einem zentralen, festungsartig ummauerten Parkplatz. Auf einer der beiden Hauptstraßen wandern wir in den am Hang gelegenen Souk hinein. Die Kinder sind glücklich: Hier herrscht Mofa-Verbot. Endlich können sie mal in Ruhe die Auslagen bestaunen, ohne ständig erschrocken zur Seite zu hüpfen. Da gibt es einiges zu sehen: Schuhe, Umhänge, Sitzkissen, Wasserhähne, Schalen aus Autoreifen, Obst, Gemüse, Lammhälften, Hühner, ja sogar kleine Schildkröten entdecken wir. Ein Gang in einen Innenhof ist rechts und links mit Fellen geschmückt, wir gucken neugierig hinein. Drinnen stehen in zahlreichen Becken Männer, die Leder schrubben. Ziegen- und Schaffelle türmen sich überall. Es stinkt entsetzlich. Ein junger Mann erklärt uns in gutem Englisch, dass diese Gerber hier die Haare von der Tierhaut lösen, um gutes Leder zu erhalten. Dafür versetzen sie das Wasser mit Kalkstein und Taubenkot – daher wohl der „Duft“. Der helfe gegen Asthma, beteuert unser Informant. Mag sein, wir wollen trotzdem wieder weg. Ob wir die Farben sehen wollen? Na gut, wir lassen uns auf eine Führung ein. Durch abseitige Gassen geht es zu einem Laden voller Farbpulver und bunter Flüssigkeiten. Durch ein Holztor lugen wir auf einen Fluss-Auslass mitten in der Stadt, der ebenfalls gerne von den Gerbern genutzt wird. Dann gelangen wir in ein zweistöckiges Gebäude, in dem stellenweise der Fußboden knallgelb von Kurkuma ist. Im Innenhof schwappt unterhalb der Balkone des ersten Stocks in runden Becken leuchtend rote Farbe. Um deren Qualität lange sicherzustellen, dürfe man sie nur an schattigen Plätzen einsetzen, lernen wir. Im sonnigen Teil des Innenhofes aber gibt es die gleichen eckigen Becken wie im ersten Teil der Gerberei. Sie stinken auch genauso. Deshalb überkommt mich erneut rasch ein Fluchtreflex. Der Guide führt uns noch zu einer tollen Aussichtsstelle mit Blick über ganz Fes. Dafür laufen wir an sehr schlichten Holz- und Blechbarracken vorbei, in denen Männer schnitzen oder kleine Trommeln mit Leder bespannen. Allein wären wir hier nie gelandet! Zurück im Souk gehen wir erstmal einen Tee trinken, um uns von der Wucht der Eindrücke und Gerüche zu erholen. Allmählich wird es dämmrig in den Gassen und schon vor sieben Uhr klappen die ersten Verkäufer ihre Läden zu.

17. Oktober: Der Campingplatz in Fes ist Mist: Das Schwimmbecken ist bis auf eine grüne Pfütze leer und bei den Klohäuschen stinkt es fast wie in der Gerberei. Deshalb flüchten wir ganz schnell und fahren ein Stück aus der Stadt hinaus. Auf einem Panorama-Parkplatz oberhalb eines Stausees halten wir an und wappnen uns innerlich für sie Verkäufer von irrwitzig geformtem Kürbissen und bunten Strohhüten, die hier ihre Stände haben und uns sicherlich gleich mit Angeboten beglücken. Doch niemand kommt. Bald merken wir, warum. Sie haben Besseres zu tun, da alle paar Minuten ein Reisebus mit massenweise kaufwütigen Touristen stoppt. Franzosen, Spanier. Schließlich eine Gruppe Chinesinnen. Die finden uns, die wir Müsli löffelnd am Campingtisch sitzen, genauso spannend wie die Kürbisse und quatschen uns fröhlich und alle gleichzeitig in ihrer wunderbaren Sprache an. Irgendwie cool. Als sie weg sind, machen wir Schule mit Aussicht. Dann fahren wir über absolute Nebenstraßen – marokkanisches Landleben pur – nach Volubilis. In den Ruinen dieser römischen Handelsstadt haben sich mangels Frost zahlreiche Mosaike extrem gut erhalten. Eindrucksvoll finden die Kinder im kleinen Museum auch eine römische Ölmühle sowie die schiere Ausdehnung, die das römische Reich zu seinen besten Zeiten hatte. Und nochwas beeindruckt uns: ein Chamäleon, das ein anderer Besucher im Gebüsch entdeckt hat. Nach einem weiteren spannenden Essensstopp am Wegesrand rollen wir abends im Campingplatz der blauen Stadt Chefchaouen ein und parken, tatsächlich, direkt neben „unseren“ Schweizern mit den dicken Gelände-Wohnmobilen. Wird ein gemütlicher Abend.

18. Oktober: Regen in Chefchaouen, wir geben der Sonne eine echte Chance, indem wir ausführlich Unterricht machen – aber sie will sie nicht nutzen. Also tappen wir schlussendlich doch bei Nieselregen durch die wahnsinnig blauen Gassen der Altstadt und bilden uns ganz fest ein, dass so sauber gewaschen alles nur noch blauer aussieht. Unser Highlight aber ist ein geöffneter Fensterflügel bzw. das, was sich dahinter verbirgt: eine winzige Bäckerei. Wir blicken direkt in die Glut des Holzofens, kaufen uns einmal durchs gesamte Sortiment – und lassen dafür umgerechnet 2,30 Euro liegen! Unsere Weiterfahrt nach Tanger wird nur von einer Valentin-Entdeckung unterbrochen: Er hat einen leuchtenden Regenbogen erspäht, Fotostopp. In Tanger wollen wir uns den Spaß gönnen, ein einziges Mal in Marokko in einen Supermarkt zu gehen. Doch das Erlebnis ist eher beklemmend, der von der Fläche her große „Marjane“ erinnert in Sachen Vielfalt und Darbietung stark an DDR-Zeiten. Um kurz nach fünf steuern wir in den Hafen von Tanger, und da sich die Zoll-Thematik diesmal noch unkomplizierter darstellt als bei der Hinfahrt, erwischen wir die Fähre um 18 Uhr (gut, eher 18:20 Uhr). Auf dem erstbesten Lidl-Parkplatz in Tarifa montieren wir Fahrradträger und Kiste wieder an den Nugget (wir hatten sie entfernt, denn sie hätten die Runterfahrt von der Fähre vermutlich nicht überlebt). Dann gehen wir einkaufen. Was für ein Luxus, was für eine Auswahl und gleichzeitig Ruhe beim Shoppen uns hier empfängt! Wir sind ganz aus dem Häuschen…

19. Oktober: Zum Übernachten sind wir an den gleichen Strand gefahren wie bei der Hinfahrt. Vor dem Unterricht machen wir einen Strandspaziergang und modellieren Namen in den Sand. Nach dem Unterricht schauen wir lange den Kitesurfern zu. Was für eine irre Menge bunter Drachen am Himmel, alle verbunden mit mehr oder weniger elegant surfenden Gestalten! Beeindruckt sind wir von einem freundlichen Kerl mit orange-türkisem Schirm, der uns zuwinkt und extra tolle Sprünge vollführt. Schließlich reißen wir uns los, fahren auf einen Aussichtspunkt, um Afrika endgültig tschüss zu sagen und schlängeln uns über gebirgige Straßen nach Ronda. Das süße Städtchen wollen wir mal wieder in der lebhaften spanischen Abendstimmung genießen – und diesmal klappt es, Ronda heißt intern nun „Klein-Pampelona“. Die berühmte hohe Brücke über die Schlucht zwischen Alt- und Neustadt sieht im Licht von 20 Scheinwerfern majestätisch aus. Die Läden, eine bunte Mischung aus Touri-Kitsch, Boutiquen und Futterstationen, haben allesamt noch geöffnet und überbieten sich gegenseitig in Sachen kreative Schaufenstergestaltung. Hier macht das Bummeln einfach Spaß. Und ein Geburtstagsgeschenk für eine von Antonias Freundinnen hüpft uns auch gleich noch in den Weg.

20. Oktober: Wir haben in einem Wäldchen auf einem Wanderparkplatz übernachtet. Also müssen wir jetzt erstmal wandern gehen. Ein hübsch angelegter Weg führt um eine Ansammlung wilder Felsen herum zu einem Denkmal eines Försters mit kleinem Jungen. Direkt über die Felsen zu klettern finden die Kinder aber lustiger. Ganz in der Nähe ist El Chorro, eine Schlucht mit Stausee und Kletterfelsen, die wir von einem mindestens 13 Jahre zurückliegenden Urlaub kennen. Der dort verlaufende „Caminito del Rey“, in den 1920er Jahren von einem König Alfons (ich glaube es war der 13.) angelegt, war damals völlig verfallen und aus Sicherheitsgründen gesperrt. Inzwischen hat man in aufwändig restauriert bzw. großenteils neu gebaut. Direkt über dem alten, so dass sich dessen Löcher bestaunen lassen. Das ganze Konstrukt ist nämlich ein an die Felswände geschraubter Steg, höchst spektakulär. Und höchst ausverkauft. Angeblich. Am Telefon bekomme ich die Info, dass da heute nichts mehr zu machen sei und Kinder unter acht ohnehin keinen Zutritt hätten. Also fahren wir persönlich hin. Und wenn’s nur ist, um den Mega-Steg von unten zu bewundern… Die Auskunft hier ist schon eine ganz andere: Zum Nordeingang fahren und dort einfach Tickets lösen. Wir packen zur Sicherheit zwei Rucksäcke. Antonia wird als Achtjährige durchgehen. Fehlen ja nur noch ein paar Monate, und groß ist sie auch. Klappt, Jochen und Toni sind drin. Aber Valentin? Wir haben uns schon eine Alternativ-Wanderung zurecht gelegt… Ich ordere zwei Tickets, der Verkäufer guckt kurz hoch, lächelt uns freundlich an und sagt „20 Euro bitte“. Wir sind auch drin. Der Tag, als Vali, Jahrgang 2012, plötzlich acht wird! Und er bemüht sich an diesem Tag tatsächlich, in vielen Situationen ganz besonders erwachsen zu sein. Der Weg an sich ist genial, da sagen Bilder mehr als Worte. Anschließend fahren wir erst zu einem Stausee, um zu baden und Steine bzw. ganze Felsblöcke hinein zu werfen. Und dann zu einem anderen, um oberhalb unser Blechzelt aufzuschlagen und an diesem Abend sehr, sehr lange in den Sternenhimmel zu schauen (auch mit Fernglas, da sehe sogar ich den Reiter auf dem zweiten Stern der Wagen-Deichsel).

21. Oktober: Heute werden wir Granada erreichen. Mein Granada. Schließlich habe ich da mal fast ein Jahr lang gelebt. 19 Jahre ist das her, aaahhhh! Ich bin direkt ein wenig aufgeregt und verspüre ein Kitzeln in der Magengegend. Nun, zum Teil könnte es auch Hunger sein, weshalb ich in Antequera beim Anblick der erstbesten Bäckerei aus dem Auto springe und für 20 Euro Frühstück kaufe. Ich glaube es war auch die beste Bäckerei – sensationelle süße Sünden. Bei der Einfahrt nach Granada glänzt in der Ferne die verschneite Sierra Nevada, was für eine Begrüßung! Doch zunächst ruft der profan-praktische Alltag: Waschsalon suchen, die Unterhosen gehen aus. Einkaufen. Und dann: Parkplatz suchen. Wir fahren fast eine Stunde im Kreis, bis wir endlich an einer völlig anderen Stelle als von mir geplant unterkommen. Oberhalb des Albayzín sind wir gelandet, so dass wir zunächst dieses alte maurische Viertel mit den weißen Häuschen und den engen gepflasterten Gassen durchstreifen. Vom Mirador de San Nicolás hat man noch immer diesen sagenhaften Blick rüber zur Alhambra. Aber diese Unmenge an Leuten ist neu, Wahnsinn, man muss sich richtig durchquetschen. Auch die Gassen mit den Teterías, den kleinen Tee-Bars, sind gerammelt voll. Valentin erblickt in einer einen riesigen Fernseher, auf dem Fußball läuft. Da müssen wir hin. Später. Zunächst will ich in die Kathedrale. Dann zur Plaza Bib-Rambla, wo leider nicht mehr, wie früher, Grünpflanzen verkauft werden. Jetzt steht in den Verkaufsständen Touristenbedarf. Dann die Acera del Darro runter bis zur Calle San Juan Baja. „Da oben hat die Mama gewohnt. Das war mein Zimmerfenster. Das unsere Dachterrasse…“ Als Belohnung gibt’s auf dem Rückweg Pizza. Dann gehen wir tatsächlich in die Tetería mit dem großen Fußball-Fernseher. Und dann unten am Darro entlang und durch den Albayzín zurück zum Auto. Riesentour. Ich bedanke mich tausendmal bei den Kindern, dass sie das alles mitgemacht haben. Im Nugget schlafen sie sofort ein. So kriegen sie glücklicherweise unsere mehrfach erfolglose Stellplatzsuche nicht mit, die schließlich vor dem Campingplatz „Reina Isabel“ in La Zubia endet. Der Platz ist voll, für den nächsten Tag wird uns ein Stellplatz in Aussicht gestellt. Immerhin: Wir dürfen schon jetzt die Sanitäranlagen mitbenutzen.

22. Oktober: Wir checken richtig im Campingplatz ein und buchen für den nächsten Tag Alhambra-Tickets. Dann fahren wir in die nahe Sierra Nevada. Dort wandern wir ein Stück die Veleta hoch, bis wir die zusammenhängende Schneedecke erreichen. Ich würde gern noch weiter, renne später auch noch ein gutes Stück höher, aber die Kinder sind hier nicht wegzubekommen. Wir bauen einen Schneemann mit zwei Gesichtern, weil beide Hintergründe, Granada und Veleta, so fotogen sind. Und ein Haus mit Garage und Schneeball-Aufladestelle für Valentins Matchbox-Pickup. Zurück am Campingplatz genießen wir den letzten Pool dieses Reiseabschnitts. Und machen abends mit der Blinkfunktion des LED-Bands an unserer Markise und der Bluetooth-Box ordentlich Disko!

23. Oktober: Kurz gesagt: Alhambra, Alhambra von früh bis spät. Zuvor ziehe ich ein halbes Stündchen im erfrischenden Pool meine Bahnen, während die andren abspülen. Dickes Dankeschön an dieser Stelle – es war aber auch schon oft genug anders… Dann also: Alhambra. Wir finden kurz unterhalb der Anlage einen kostenlosen Parkplatz, spart 18 Euro am Tag! Dann lassen wir uns treiben. Schlendern durch die noch erstaunlich blütenreichen Gärten des Generalife, wobei Valentin jeden, wirklich jeden Springbrunnen fotografiert (und es gibt viele). Schlüpfen durch die Heckentore. Riechen an den Rosen. Freuen uns über Finessen wie kleine Wasserfälle im Mauergeländer. Dann die eigentliche Alhambra: Der nach der Reconquista mittenrein gepflanzte Palast Karls V. wirkt klobig, in den kreisrunden Säulengängen ist es aber angenehm schattig. Vom höchsten Turm der Alcazaba aus hat man einen sensationellen Blick über ganz Granada. Und dann, um 14:30 Uhr, dürfen wir in den Nasriden-Palast. Das ist heutzutage nämlich sehr genau geregelt. Vermutlich sinnvollerweise, denn auch so tritt man sich da drin halb tot. Der Palast mit seinen unzähligen Innenhöfen, Brunnen, Nischen, Räumchen und Balkonen ist die Wucht. Fast schon eine Überdosis an Schönem. Danach setzen wir uns erstmal auf ein Parkbänklein und schreiben Postkarten, Antonia an ihre Klasse, Valentin an die Großeltern. Zu Übernachtungszwecken kurven wir später durch einen Olivenhain östlich von Granada. Dort soll es heiße Quellen geben. Wir finden sie, befinden sie aber für zu siffig. Ein ganzes Stück entfernt suchen wir uns einen Stellplatz. Wir kochen Putenschnitzel in unserer neuen Pfanne und hören Schlager. Und finden dann unter den knarzigen Olivenbäumen sowohl den Sonnen- als auch der Monduntergang wunderschön. Ganz zu schweigen vom Sonnenaufgang…

24. Oktober: Nach der Schule im Olivenhain fahren wir Richtung Almería. Jochen möchte sich die Plataforma Solar bei Tabernas ansehen, ein Solarturmkraftwerk, in dem hunderte von Spiegeln das Sonnenlicht gebündelt auf einen Turm schießen (Ankunftstemperatur 1.500°C), wo es Wasser zum Verdampfen und damit eine Turbine zum Arbeiten bringt. Die Schranke ist offen, wir rollen vorsichtig aufs Werksgelände. Da kommt auch schon ein erboster Wärter hinter uns her gesprungen… Das sei Forschungsgelände, da dürfe man nicht einfach so drauf fahren, was wir uns einbildeten… Er hat also schlicht seine Schranke zu langsam geschlossen. Dann holt er uns doch eine Expertin, die erklärt, dass das Kraftwerk aufgrund von Wartungsarbeiten gerade nicht in Betrieb sei. Wir dürfen uns aber die kleine Ausstellung ansehen. Anschließend fahren wir durch die Wüste von Almería. Das trockene, hügelige Gebiet nordöstlich der Stadt gilt tatsächlich offiziell als Wüste, auch wenn es mit unseren Sahara-Dünen in Marokko so gar nichts zu tun hat. Hier wurden zahlreiche Western und Ähnliches gedreht, zuletzt „Der Schuh des Manitou“. Die Kulissen können inklusive diverser Shows besichtigt werden. Wir schauen uns das Ganze lieber von außen an, machen Picknick in der Wüste und fahren dann weiter an den Strand. Der erste ist zu kiesig und zu bebaut. Der zweite einsamer und sandiger. Hier bleiben wir.

25. Oktober: Der Sonnenaufgang ist noch toll. Aber dann entwickelt sich dieser Tag zunehmend zu einem schwarzen Tag. Auf der Fahrt Richtung Valencia tanken wir und gehen direkt im angrenzenden Einkaufszentrum aufs Klo, zum Mittagessen und Einkaufen. Nach gefühlten Ewigkeiten in den absolut unüberschaubaren Gängen des riesenhaften Carrefour bekomme ich eine Art Schwächeanfall, kippe schier um und muss mich eine ganze Weile hinsetzen und auf die Muster des Bodens konzentrieren, bis ich wieder einsatzbereit bin. In Valencia, das einen sehr coolen, modernen Stadtbereich mit Oper und enormen Parkanlagen hat, gehen wir auf den Gulliver-Spielplatz. Getreu der Geschichte, dass die Liliputaner den schlafenden Gulliver mit Schnüren fesseln und auf ihm herumhopsen, können die Kinder hier über Kletterseile an Armen und Beinen einer riesenhaften liegenden Figur hochklettern und wie wild auf ihr rutschen und toben. Auf dem Weg zurück zum Auto spricht uns ein Mann auf Deutsch an, er wirkt aufgelöst und hat eine große Schramme am Kopf. Unter anderem erzählt er, dass er in der Nacht am Bahnhof überfallen und komplett ausgeraubt worden sei. Und eigentlich nur zu seiner Ferienwohnung nach Ibiza wolle, wie so oft. Wir glauben ihm, bieten ihm zu essen an und geben ihm eine Finanzspritze für die Überfahrt. Er schreibt sich Jochens Handynummer auf, und irgendwie sind wir uns sicher, dass er sich revanchieren wird. Die Kinder sind ganz durcheinander nach dieser Begegnung und stellen auf der Weiterfahrt jede Menge Fragen. Wie können Menschen nur so gemein sein…? Irgendwann lenkt uns ein vibrierendes Geräusch und ein holpriges Gefühl beim Fahren ab. Was ist mit Nuggi los? Wir reduzieren die Geschwindigkeit, kontrollieren an einer Tankstelle den Luftdruck. Alles okay. Aber das Holpern wird schlimmer. Als wir erneut halten, ertasten wir am rechten Hinterreifen eine heiße, gewölbte Stelle. Das Profil scheint sich hier abzulösen. Zum Glück sind es nur noch wenige langsame Kilometer bis zum Stellplatz.

26. Oktober: Gleich nach dem Aufstehen verschwindet Jochen mal hinter, mal unter, mal neben dem Auto, bis er den Ersatzreifen herausgefummelt und gegen den Sorgenreifen getauscht hat. An der Wölbungsstelle entdecken wir einen tief in den Gummi gegrabenen Stein, vielleicht den Urheber des Übels. Dann haben wir endlich Zeit für die niedliche Bucht, in der wir gelandet sind. Wir baden – endlich mal wieder – im Mittelmeer und finden jede Menge tolle Muscheln. Auf der Weiterfahrt checken wir nochmal die Nachrichtenlage. Nein, wir wagen uns nicht nach Barcelona. Das Drama um das katalanische Unabhängigkeitsreferendum befindet sich in einer zu heißen Phase. Eigentlich wollte der katalanische Regierungschef sich heute im spanischen Parlament erklären, sagt die Reise aber kurzfristig ab und tagt mit seinen eigenen Abgeordneten, während Tausende vor dem Regierungspalast in Barcelona demonstrieren. Da gehören wir nicht hin, schon gar nicht mit kleinen Kindern. Ich habe noch immer die Kolonne von Panzern und anderen Militärfahrzeugen vor Augen, die wir tags zuvor auf der Autobahn überholt haben. Also weiter. Bis kurz vor die Grenze. In Figueres besuchen wir das sehenswerte Dalì-Theatermuseum und schlendern durch den Ort. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang: der Parkplatz, kaum für einen Mini ausreichend, in den Jochen unseren Nugget gezaubert hat! Und dann, mit Blick auf die links in der Abendsonne vorbeiziehenden Pyrenäen, sagen wir Spanien adiós, hasta luego…

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