In der Wüste

Nun sind wir definitiv auf der Rückreise: Den südlichsten Punkt unserer Spanien-Portugal-Marokko-Tour haben wir hinter uns gelassen. Und er war nicht nur der südlichste, sondern auch derjenige, der das einzigartigste Erlebnis für uns bereit hielt.

13. Oktober: Dass der Aberglaube Freitag, den Dreizehnten zu einem Pechstag erklärt hat, ist in Marokko nicht angekommen. Deshalb hat der Tag wohl die Chance, von vorne bis hinten genial zu werden – und er nutzt sie! Nach mehreren Planschaktionen und Besuchen bei „Esele“ & Co. satteln wir unser Riesen-Maultier und rollen durch Goulmima, kaufen Brot und bewundern riesige Trocknungsplätze für die hier im Überfluss wachsenden Datteln. Dann schwenken wir ein auf die Straße Richtung Wüste. Die Landschaft wird immer karger und staubiger. Und rätselhafter. Nicht nur einmal fahren wir an Pfützen und Flussläufen vorbei, die keineswegs ausgetrocknet sind. Wo kommt dieses Wasser her?? Irgendwann säumen Brunnen den Weg, mindestens 20 Stück, eher mehr. Sie sind aus Stein gemauert und mit knorrigen Holzaufbauten zum Hochziehen der Wassereimer versehen. Warum so viele?? Das Thermometer klettert auf um die 40 Grad, Fata Morganas gaukeln uns spiegelnde Wasserflächen auf und neben der Straße vor. Und da sehen wir sie: Rötliche Hügel, erst unscheinbar, dann immer eindrucksvoller. Die Sanddünen von Erg Chebbi. Ein Stück Sahara-Sandwüste inmitten der steinernen Ödnis. Neben der Straße weiden Kamelherden, dahinter erheben sich einige weitläufige Gebäude, die einen mehr, die anderen weniger an den traditionellen Lehmbaustil angepasst. Es sind Kasbah-Hotels für die Wüsten-Touristen. Unserer Reiseführer lotst uns ins „Mohayut“ – ein Glücksgriff. Nuggi darf auf dem ummauerten Vorplatz parken, während wir die stimmungsvollen Innenhöfe, Aussichtsterrassen und den Poolbereich genießen. Gegen fünf Uhr nachmittags verlassen wir das Gebäude Richtung Dünen. Dort warten bereits die gesattelten Kamele für unsere Wüstentour (eigentlich Dromedare, aber jeder spricht hier von Kamelen). Antonia und Jochen teilen sich das Leittier, Valentin und ich bekommen das äußerst lehmverschmierte und entspannte Kamel Nummer zwei. Das Aufsteigen auf die liegenden Tiere ist erstaunlich einfach. Aber dann… Wir kippen fast vornüber und klammern uns verkrampft an den Metallgriff des Sattels, bis das Kamel endlich alle vier Beine wieder ausgefahren hat. Wie hoch so ein Wüstenschiff ist!! Ein wettergegerbter Berber in blauem Gewand und rosa Turban setzt sich an die Spitze unserer kleinen Karawane (hinter uns reiten noch zwei Franzosen) und führt uns in sanften Kurven durch die Dünen, immer höher hinauf. Bergauf stapfen die Kamele ruhig vor sich hin, bergab geraten sie leicht ins Rutschen, was wir anfangs mit Schreckensrufen quittieren. Aber man gewöhnt sich an das Gewackel. Unvermittelt stoppt die Karawane nach etwa einer Stunde, die Kamele lassen sich nieder: Sonnenuntergang. Und Zeit, um durch die Dünen zu streunen, zu tollen, zu hüpfen und zu kullern. In der Dämmerung geht es weiter – wo ist nur unser Camp? Hinter der übernächsten Düne kommt es zum Vorschein: ein Kreis aus Zelten, jedes einzelne aus zahlreichen gewebten Decken gespannt. Unser Gebäude Nummer drei ist erstaunlich geräumig und bietet für jeden ein eigenes, leintuchbezogenes Bett. Hinter der nächsten Düne steht das Küchenzelt, davor ist eine lange Tafel aufgebaut. Ob da noch mehr Leute kommen? Der Küchenchef serviert uns Tee und Erdnüsse, wir scheinen zu warten. Als es längst dunkel ist, hören wir Stimmen. Eine Gruppe Amerikanerinnen arbeitet sich über den Dünenrand zu uns vor. Sie wirken heiter, aber groggy. Nun kann der Festschmaus beginnen: Suppe mit Gemüse, Nudeln und Linsen, gefolgt von Reis mit Auberginengemüse, dann die leckerste Tajine der ganzen Reise. Die Kinder stopfen sich mit den gut gewürzten Kartoffeln voll, die unter dem Tonhut zum Vorschein kommen – und schlafen fast im Sitzen ein. Was für ein erlebnisreicher Tag! Ich bringe sie ins Wüstenbett, jedoch nicht ohne im Dunkeln noch einmal innezuhalten und den grandiosen Sternenhimmel zu bewundern. Zurück an der Tafel schicken sich die Amis gerade an, ebenfalls ins Bett zu gehen… Das gibt’s doch gar nicht – so weit geflogen und dann mitten in der Wüste alles verschlafen… Die Kamelführer und der Koch packen derweil ihre Trommeln aus und klopfen uns afrikanische Rhythmen. Da es weder bei ihnen noch bei uns mit dem Singen weit her ist, verlegen wir uns allerdings bald aufs Witzeerzählen. Aus „Fritzle“ wird „Little Achmed“, wir haben einen Heidenspaß. Als die Franzosen irgendwann auch gen Zelt wanken, versprechen die Berber uns als letzten Durchhaltenden ein Überraschungserlebnis. Sie kippen Essensreste in eine Mulde und machen alle Lichter aus. Als wir nach einiger Zeit unsere Taschenlampe wieder anknipsen, leuchten uns mehrere reflektierende Augenpaare entgegen. Fenneks, Wüstenfüchse! Die kleinen scheuen Tierchen mit den riesigen Ohren trauen sich in unserer Anwesenheit nicht ganz bis zu ihrer Malzeit heran, aber wir sehen mindestens fünf bis sechs Tiere, die von allen Seiten immer näher kommen. Auch die freundlichen Berber in den blauen Gewändern überkommt schließlich die Müdigkeit. Sie werfen uns noch ein Kissen zu und wünschen viel Spaß beim Sternegucken. Den haben wir. Die Milchstraße ist absolut klar zu erkennen. Hin und wieder flitzt eine Sternschnuppe durch die Schwärze. Jochen kramt sein astronomisches Basiswissen heraus – und weil ich ihm nicht das Gegenteil beweisen kann und die Sternbilder allesamt nachvollziehbar sind, glaube ich ihm beeindruckt (wie vor fast 15 Jahren auf dem Holzschober im Schwarzwald…).

14. Oktober: Ich wache von irgendeinem Geräusch auf. Meine Uhr sagt: kurz vor sechs. Zeit für den Sonnenaufgang?? Ich wanke vor unser Zelt, doch es ist zappenduster. Da dämmert es mir: Ich habe die Uhr nie umgestellt, in Marokko haben wir erst fünf Uhr morgens. Als ich zurückkomme, sind auch die anderen wach. Wir vereinbaren noch ein wenig zu dösen und stellen den Handywecker auf echte sechs Uhr. Als er klingelt, sind die Kinder nicht aus dem Bett zu kriegen. Aber ich will doch die Sonne begrüßen… Ganz vorsichtig, aber bestimmt rede ich nochmal auf sie ein – und siehe da, sie lassen sich überzeugen, schnappen ihre Stirnlampen und Jacken und kommen mit. Wie schön es wieder ist durch die Wüste zu wandern! Wir sehen noch immer Sterne am Himmel, aber im Osten hinter den hohen Dünen ist bereits ein heller Lichtschein auszumachen. Dahin wollen wir. Es zieht sich, wird anstrengend, Antonia und Valentin stimmen in eine einstimmige Schimpftirade ein. Aber da ist Jochen schon auf der Kante der höchsten Düne angekommen und verkündet, wir seien am Ziel, und zwar rechtzeitig. Dann sitzen wir im Sand und starren gebannt auf die Stelle am Horizont, wo der Feuerball auftauchen wird. Das Licht wird immer wärmer. Ich knipse wie verrückt. Irgendwann ein einstimmiger Schrei, da ist sie! Das erste Stückchen Sonne strahlt uns an. Und wird schnell zur Kugel. Wir veranstalten einen Freudentanz und springen in genau dieser Stimmung die Dünen wieder hinunter zum Camp. Gerade rechtzeitig, wie sich herausstellt, denn unser Wüstenmann in Blau ist schon auf dem Weg zu den Kamelen. Auch der Ritt zurück in der Morgensonne ist ein Genuss – das Absteigen an der Kasbah aber genauso, denn der Hintern schmerzt dann doch. Im Hotel wartet ein Frühstücksbuffet auf uns. Und auf die Kinder natürlich der Pool. Bis mittags lassen wir es uns hier noch gut gehen und das Erlebte anhand unserer Fotos Revue passieren. Dann fahren wir mit unserem Büsslein so nah an die Dünen, wie es ohne Geländefahrzeug geht und schießen ein paar Angeberfotos mit Nuggi. Und dann ist unser Wüstenabenteuer schon wieder vorbei. Es war in seiner Kompaktheit und konzentrierten Fülle an Besonderheiten einfach einzigartig.

2 Gedanken zu “In der Wüste

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