Marokko, eine andere Welt

Raus aus dem Gewohnten, Neues sehen, andere Lebensweisen kennenlernen – das ist ein wesentliches Ziel unserer langen Reise. Deshalb wurde es höchste Zeit für den ersten Schritt heraus aus Europa. (Und nein, damit ist nicht der Besuch des im Rahmen des Brexit neu umstrittenen Gibraltar gemeint…). Eine kurze Fährfahrt hat uns in eine neue Welt gebracht.

5. Oktober: Nach unserer nächtlichen Fahrt hinaus aus Portugal haben wir auf einem sandigen Stellplatz zwischen Hafen und Strand von Algeciras übernachtet. Direkt gegenüber des markanten Felsen von Gibraltar – der sein Spitzchen allerdings noch in britischen Morgennebel hüllt. Nichtsdestotrotz: Er ist unser Ziel für heute. Doch zunächst gilt es jede Menge praktische Dinge zu erledigen, etwa im Reisebüro von Carlos Fahrkarten für die Fähre nach Tanger kaufen, einen Großeinkauf bei Lidl tätigen (Salami, Käse und Bier sollen in Marokko sehr teuer sein…), meine spanische Prepaid-Karte zum Laufen bringen, die in Portugal leider nie funktioniert hat etc. Dann fahren wir ins Vereinte Königreich, finden einen Parkplatz direkt an der Seilbahn, der „nur“ 3£ kostet (der Automat rechnet immerhin automatisch Euro in Pfund um) und wandern auf den Felsen von Gibraltar. Am Anfang geht es durch einen botanischen Garten mit kleinen Wasserfällen, der Valentin geradezu entzückt. Dann gelangen wir auf eine schmale Serpentinenstraße, auf der Mofas und Taxis mit halsbrecherischer Geschwindigkeit nach oben und unten brettern. Dafür entschädigen die herrlichen Ausblicke aufs Meer. Und am offiziellen Einlass die ersten Berberaffen, die wild über die Autos tollen, die Windschutzscheibe als Rutsche benutzen und sich ständig gegenseitig verprügeln. Die drolligen und glücklicherweise gar nicht aufdringlichen Tiere begleiten uns von nun an auf dem Felsen, an den sich ganz oben noch immer eine Nebelwolke klammert. Den Pfad nach unten gehe ich mit den Kindern allein, Jochen und das Navigationshandy wollen einen weiteren Weg mit Blick auf den Flugplatz nehmen… Wir kommen genau gleichzeitig wieder am Parkplatz an!

6. Oktober: Als wir am Strand von Tarifa aufwachen, sehen wir schemenhaft Afrika vor uns liegen. Da wollen wir hin. Nachdem wir uns im Kunstunterricht mit marokkanischen Farben und deren Entstehung aus natürlichen Stoffe wie Safran, Henna oder Purpurschnecken beschäftigt und orientalische Mandalas gemalt haben, fahren wir zum Fährhafen. Wir sind – Jochens deutscher Pünktlichkeit sei Dank – mit als erste an der Anlegestelle und können das Einlaufen der Katamaranfähre „Tarifa Jet“ live und ganz vorne verfolgen. Auf dem Schiff bekommt jeder einen roten Einreisestempel in den Pass. Die Zollkontrolle im Hafen von Tanger dauert zwar eine Weile, und dieses Formular auf Französisch und Arabisch kapieren wir nicht wirklich, aber die vielen zuständigen offiziellen Herren füllen die Zeilen nach und nach, so dass das Ganze in Summe erstaunlich unkompliziert abläuft. Tanger wirkt – zumindest von der Hauptstraße aus – groß, reich und europäisch. Und voller Dacia Lodgys, genau wie unserer zu Hause – die werden hier nämlich gebaut. Wir lassen die Stadt schnell hinter uns und fahren an der Atlantikküste entlang ins sehr viel idyllischere Asilah. Die Kinder sind begeistert von den engen Gassen, den weißen Häusern mit blauen Bemalungen, den orientalisch gemusterten Fliesen, den bunten Blumentöpfen und den vielen Katzen. An den Straßen- bzw. Gassenecken entscheiden sie abwechselnd in welche Richtung es weitergeht – ein richtiges Labyrinth! Der Campingplatz in Asilah ist schlicht, günstig und mal wieder ein glücklich machender, enormer Sandkasten für die Kinder. Als wir – ja ja, zum x-ten Mal – für den Sonnenuntergang an den Strand laufen, begegnen wir einem sehenswerten Gespann: ein junger Kerl auf einem großen Pferd, dem in erstaunlichem Tempo ein einzelnes treues Schaf hinterher galoppiert.

7. Oktober: Für heute haben wir uns die Marokkanische Hauptstadt Rabat vorgenommen, inklusive ihrer Schwesterstadt Salé auf der anderen Seite der Mündung des Bou Regreg in den Atlantik. Wir parken an just diesem Fluss sehr zentral in Rabat und lassen uns zunächst mit einem Ruderbötchen auf die andere Seite bringen. Es stellt sich als gute Idee heraus mit Salé zu starten, denn die Medina, also die Altstadt brummt vor Leben. Alles ist ein riesiger Souk, wobei jeder Marktstand und jeder Laden nur ein paar Dinge im Angebot hat: hier das Ei, dort das Huhn oder der Plattfisch oder der Hai oder der Granatapfel oder die Dattel oder das Süßgebäck oder das Gewürz oder der Turnschuh… Es ist eng, laut, trubelig, dreckig, anstrengend für die Kinder (die sich unter Altstadt so was Niedliches wie Asilah vorgestellt hatten). Aber es ist auch touristenfrei, authentisch, spannend, aufregend, fremd und großartig. Den Kindern erklären wir, dass auch ihre Urgroßeltern stets auf dem Markt eingekauft haben und nicht im Supermarkt – doch mit dem gemütlichen Wochenmarkt zu Hause mag das Ganze hier wenig zu tun haben… Schon allein das ständige Platzmachen, immerzu stehen wir riesigen von Hand geschobenen Karren und geschleppten Säcken im Weg. Und dann diese enorme Menge an Menschen, Käufern wie Verkäufern… Wir probieren gebraten Fisch, Gebäckstückchen und grell pinke Kaktusfeigen. Irgendwann reicht es tatsächlich mit Trubel, wir suchen und finden als Kontrastprogramm die Medersa Abou el Hassan, eine frühere Koranschule, wunderschön filigran gestaltet. Dort kommen wir mit einem sehr seriös aussehenden, weiß gewandeten und sprachgewandten Herrn ins Gespräch, der uns einmal um Medersa und Moschee herum führt, die besten Blicke über den alten Friedhof nach Rabat zeigt, spannende Details über das Beten und den Glauben erzählt und uns schlussendlich sogar ein Taxi nach Rabat besorgt. Sein Trinkgeld hat er sich wahrlich verdient. In Rabat spannen wir auf dem Grünstreifen unterhalb des Königsmausoleums aus. Keiner kann mehr. Der Park hinter uns wirkt geschlossen, deshalb erkunde ich zunächst alleine das Areal des Mausoleums – und finde das schmucke Gebäude geöffnet vor. Da ich befürchte die restliche Familie könnte streiken, sehe ich es mir flugs an, überquere den großen Platz davor und nähere mich hinterrücks wieder meinen Lieben, die wider Erwarten Interesse an meinen Entdeckungen bekunden und eifrig mitkommen (wobei für Toni die berittene Palastwache das entscheidende Kriterium war). Anschließend geht’s durch den Souk Richtung Kasbah des Oudaia, sie ist Burg und Wohnanlage in einem und hoch über dem Meer gelegen. Danach sind wir wirklich erschöpft und wollen nur noch zu Nuggi.

8. Oktober: Ich überrasche den Rest mit der Ankündigung, entgegen früherer Aussagen doch nach Casablanca zu wollen. Denn ich habe herausgefunden, dass die Moschee Hassan ll die einzige in ganz Marokko ist, die „Ungläubige“ von innen besichtigen dürfen. Und gleichzeitig die drittgrößte Moschee überhaupt (nach Mekka und Medina) mit dem höchsten sakralen Turm der Welt (200 Meter). Wir finden erstaunlicherweise direkt gegenüber der Moschee einen Parkplatz, müssen uns aber zunächst eine Standpauke des örtlichen Polizisten anhören, weil Jochen über eine durchgezogene Linie gefahren ist. So kommen wir gerade noch rechtzeitig zur deutschen Führung. Der Guide hat schnell einen Narren gefressen an den blonden, aufmerksam lauschenden Kinderlein und albert viel mit ihnen herum, so dass wir Großen Zeit haben das enorme Gebäude, das bis zu 25.000 Gläubigen Platz bietet, auf uns wirken zu lassen. Das zedernholzverkleidete Dach lässt sich innerhalb von drei Minuten öffnen („Cabrio-Moschee“ lernen die Kinder), die Lautsprecher sind in die Säulen integriert, ins Minarett führt ein Aufzug, durch Glasboden blickt man hinunter in den riesigen Kellerraum mit einer Vielzahl von Brunnen für die rituelle Waschung. Hightech und Tradition haben hier einen engen Pakt geschlossen. Ansonsten hat Casablanca wenig zu bieten, so dass wir über die vorzügliche Autobahn weiter nach Marrakesch düsen.

In Marrakesch wollen wir uns den Nachmittag und Abend vertreiben. Wir parken direkt hinter der Koutoubia-Moschee und schlendern zunächst auf den berühmten zentralen Platz Jemaa el Fnaa. Dort sehen wir Schlangenbeschwörer und Äffchen an der Leine, aber so richtig viel los ist um die Uhrzeit noch nicht. Deshalb: erstmal durch die Souk-Gassen, die ästhetischer, aber auch touristischer sind als in Salé. Im ehemaligen Judenviertel beeindrucken uns die unzähligen gleichen Holztore, die man zum Verkaufen einfach öffnen kann. Die Gassen sind mal überdacht, mal nicht, mal drücken sich Mofas durch, mal Esel. Über schöne Plätze und belebte Straßen ziehen wir weiter, kaufen uns süße Stückchen in einer Bäckerei, setzen uns und sehen dem Treiben zu. Antonia freut sich über die kitschigen Pferdekutschen, die, beladen mit erhaben blickenden Touristen, in äußerst geringem Abstand an uns vorbei donnern. Dann wollen wie die Saadier-Gräber angucken, folgen einem Hinweisschild, das uns durch eine enge Gasse mitten in einen Laden dirigiert. Der freundliche Besitzer kommt überrascht hinter einem Vorhang hervor, führt uns durch zig Räume mit großen und kleinen kunstvollen Metallgegenständen und lässt uns zur Hintertür wieder raus, verbunden mit dem Hinweis, dass das Bauwerk, das wir suchen, vermutlich schon geschlossen hat. Dem ist so. Nicht so schlimm, wir sehen uns dafür das riesige alte Stadttor Bab Agnaou an, steigen in einem Hotel frech auf die Dachterrasse und genießen das Bild der einheitlich rötlichen Gebäude von Marrakesch im Abendlicht. Dann nehmen wir die Kinder auf die Schultern und lassen wir uns wieder Richtung Jemaa el Fnaa treiben, wo inzwischen der Bär steppt. Nein, eigentlich sind es noch immer ein paar Affen, zudem Geschichtenerzähler, Boxkämpfer und ähnliche Attraktionen, um die sich Menschenringe gebildet haben. Obendrein stehen hier plötzlich unzählige bunt geschmückte Essensstände. Ich genehmige mir einen herrlichen Gewürztee, begleitet von einer braunen, süßen Masse, die wie Plätzchenteig schmeckt. Es dauert eine ganze Weile, bis wir uns satt gesehen haben und den Rückweg zum Auto antreten.

9. Oktober: Der Campingplatz ein paar Kilometer außerhalb von Marrakesch hat einen Pool – Valentin kriegen wir hier so schnell nicht wieder weg. Müssen wir aber auch nicht – wir haben ja Zeit. Das Wetter, das uns schon die ganze Zeit erstaunlich viele Wolken bietet, ist zwar nicht ideal. Irgendwann regnet es sogar kurz. Aber dem Badevergnügen tut das keinen Abbruch. Es ist fast vier Uhr nachmittags, als wir uns auf den Weg machen Richtung Atlas-Gebirge. Die Landschaft wird immer karger, Felsen in Beige und Rot erheben sich. Wir kriechen stetig bergan, überholen vollgepackte Laster und Kleinbusse – und da ist sie wieder: die durchgezogene Linie. Direkt vor den Augen eines wachsamen Verkehrspolizisten schert Jochen aus, setzt zum Überholmanöver an und wird prompt herausgewunken. 400 Dirham Strafe (das sind 40 Euro!). Ohne Quittung einigt man sich auf 200… „Durchgezogene Linie“ wird zum neuen Reizwort im Nugget. Wir überholen weiter, beispielsweise einen doppelstöckigen Kuh-Transporter, auf dem die Kühe wie auf einer Dachterrasse stehen, überqueren den Tichka-Pass auf fast 2.300 Metern Höhe und biegen in eine abenteuerliche Nebenstraße zum schön gelegenen Ort Telouet ein. Das ganz große Atlas-Feeling bleibt uns wegen der vielen Wolken verwehrt, aber die schroffen, kargen und farbigen Berghänge beeindrucken auch so. In Telouet parken wir im Hof einer Wohnburg und essen dort (als einzige Gäste) in einem sehr stilvollen Raum unsere erste Tajine, ein unter einem Tonhut gegartes Gemüse- und Fleischgericht. Nach dem Essen setzen sich der Bürgermeister und ein weiterer mitteilsamer, aber auch sehr spannend erzählender Einheimischer zu uns. Dazu der süße Tee… ein schöner Tagesausklang.

10. Oktober: Ait Benhaddou heißt heute das erste Ziel. Hier gibt es einen Ortsteil, eine Kasbah, die zum UNESCO-Welterbe ernannt wurde, weil sie komplett aus Lehm erbaut und noch sehr gut erhalten ist. Der Bummel durch die alten Gassen ist faszinierend, auch der Blick über die gesamte Oase. Der Fluss führt sogar Wasser, das heißt es gibt dort feuchten Lehm. Wie herrlich man diesen formen, werfen, schließlich darin versinken kann! So dreckig waren die Kinder schon lange nicht mehr… Durch endlose Oasendörfer fahren wir weiter bis nach Boumalne, hier ist der Eingang zur Dades-Schlucht. Doch zunächst wollen wir uns im Ort etwas zum Abendessen suchen. Die erste Bar hat nur Tee, aber in der zweiten, eingekeilt zwischen zwei Metzgern, werden wir fündig. Wir bestellen wieder Tajine – und können uns davon überzeugen, dass sie frisch zubereitet wird. Der Koch verschwindet mal zwischen den Schafshälften beim metzgernden Nachbarn, dann im Gemüseladen ein paar Eingänge weiter. Auch mit einem Ei sehen wir ihn irgendwann zurückkommen. Das Warten auf den alten Plastikstühlen lohnt sich: Die Gerichte schmecken noch viel besser als tags zuvor. Und langweilig geworden ist’s bei der Warterei ohnehin nie, denn auf der Straße, auf der genauso viele Fußgänger wie Autos unterwegs sind, ist ständig etwas zu beobachten: Kinder mit piepsenden Kartons auf dem Arm, überladene Laster, ein Fahrschulauto mit zwei Lenkrädern, Kleintransporter voller Datteln. Ein solcher parkt direkt neben Nuggi, wir kaufen ihm ein volles Kilo der größten und süßesten seiner Früchte ab.

11. Oktober: Schluchten-Tag. Wir fahren zunächst in die Dades-, später noch in die Todhra-Schlucht, die angeblich zu den beeindruckendsten Natur-Sehenswürdigkeiten Marokkos zählen. Vor allem das Dades-Tal ist wunderschön, hübsch bebaut, nicht zu touristisch. Die Serpentinenstraße und die Felswände sind cool, für jemanden, der im Allgäu aufgewachsen ist aber nicht der ganz große Aufreger. Ähnliches gilt für die Schlucht des Todhra, die noch dazu voller Reisebusse steckt. Wir waten im klaren Flüsslein, freuen uns über die vielen Esel, die hier trinken, beobachten ein paar Kletterer – Touristen natürlich – und werden plötzlich von einem Sand- und Regensturm heimgesucht, der mit überraschender Heftigkeit zwischen den hohen Felswänden hindurch pfeift und uns ins Auto treibt. Also fahren wir weiter, durch wüstenhafte Ödnis, rechts geziert vom Sahro-Gebirge, links von den Ausläufern des Atlas, bis nach Goulmima. Hier landen wir auf dem nach Aussage der Kinder schönsten Campingplatz der ganzen Reise: Er hat einen Pool und einen Mini-Zoo. Und eine Hollywoodschaukel, die mich begeistert.

12. Oktober: Vor dem Frühstück müssen wir erstmal nach den Ziegen, Enten, Hasen und dem Eselchen sehen. Anschließend stehen auf dem Stundenplan abwechselnd Baden, Unterricht und weitere Eselbesuche. Und Haare schneiden bei Jochen. Der Ort hier soll ein schönes Lehmviertel haben, kulturgeschichtlich bedeutsam, schreibt unser Reiseführer. Egal, heute ist Kindertag. Eigentlich wollten wir am Nachmittag irgendwann weiterfahren Richtung Wüste. Aber das Bauchgefühl sagt: bleiben, Antonia und Valentin sind hier so glücklich. Also baden wir nochmal, erkunden alle Ecken des Platzes, spielen Fußball, malen Hüpfkästchen auf den Boden, singen Quatschlieder und sind froh, dass der Busfahrer heute frei hat.

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